Interview: Guido Zeitler


„Wer fordert, muss seine eigenen Hausarbeiten erledigen“

 

Die NGG-Branche Gastgewerbe vertritt sowohl die Beschäftigten im Hotel- und Gastgewerbe, als auch Arbeitnehmer der Systemgastronomie und Beschäftigte in Kantinen und bei Caterern

 

Im März 2017 wurde der gelernte Hotelfachmann Guido Zeitler als Nachfolger von Burkhard Siebert zum neuen stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gewählt. Im Interview mit Nina Bruckmann spricht der 45-Jährige über Tarifverträge, Altersvorsorge, das Arbeitszeitgesetz und weitere Themen der Branche.

 

Herr Zeitler, Ende März wurden Sie zum stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft NGG gewählt und befanden sich direkt mitten in Tarifverhandlungen für die Beschäftigten in der Systemgastronomie. Welche Schritte konnten Sie in dieser Hinsicht schon in die Wege leiten?

Am 14. Juli 2017 konnte in einer Schlichtung ein Tarifvertrag mit dem Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) abgeschlossen werden. Die Entgelte steigen in den nächsten 29 Monaten in drei Stufen insgesamt zwischen 7,3 und 8,6 Prozent. Seit dem 1.August 2017 beträgt das Einstiegsgehalt neun Euro pro Stunde. Damit ist es vor allem gelungen, den Abstand zwischen dem gesetzlichen Mindestlohn und der untersten Lohngruppe weiter auszubauen.

 

Welche Unterschiede in der Bezahlung machen sich bei Betrieben mit Tarifvertrag und solchen ohne bemerkbar? Und welche Vorteile bringt ein Tarifvertrag nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Arbeitgeber mit sich?

Die Unternehmen, die Mitglied im BdS sind, sind alle tarifgebunden. Anders sieht es bei den anderen gastgewerblichen Betrieben wie Gaststätten oder Hotels aus. Hier arbeiten nur rund ein Drittel der Beschäftigten mit einem Tarifvertrag und oft dann nur mit einem gesetzlichen Mindestlohn. Das liegt auch daran, dass der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA die Mitgliedschaft ohne Tarifbindung (O.T.) anbietet. Der Vorteil eines Tarifvertrages für die Arbeitgeber ist, dass gleiche Wettbewerbsbedingungen gelten und der Dumpingkonkurrenz Einhalt geboten werden kann. Dies wäre insbesondere im Hinblick auf den Fachkräftemangel in der Branche ein wichtiger Schritt. Und für die Beschäftigten gibt es mit Tarifvertrag einen deutlich höheren Lohn.

 

Mitte Juni machte die NGG in Sichtweite der Nordsee-Zentrale in Bremerhaven mit einer mobilen Werbewand auf den schwelenden Tarifkonflikt aufmerksam. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Altersvorsorge und die Möglichkeit, im Alter eine Rente zu erreichen, die oberhalb der staatlichen Grundsicherung liegt. Welche Forderungen haben Sie an die Mitglieder des BdS?

Die beste Maßnahme gegen Altersarmut sind anständige Löhne, aus denen dann später auch Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung oberhalb der Grundsicherung entstehen. Die Bundesregierung hat eingeräumt, dass hierzu ein Stundenlohn in Höhe von mindestens 11,68 Euro brutto bei einer Vollzeitkraft notwendig ist. Wenn allerdings im Hotel- und Gaststättenbereich und somit auch in der Systemgastronomie ein großer Teil der Beschäftigten und auch Fachkräfte weniger verdient, ist ein zentrales Problem der Branche – die schlechte Bezahlung – schon identifiziert.

 

2015 wurde der Mindestlohn eingeführt, auch für alle Berufsgruppen des Gastgewerbes. Doch wie sieht es mit dessen Einhaltung aus? Wünschen Sie sich in dieser Hinsicht mehr Unterstützung durch die Politik?

Mit der Höhe des gesetzlichen Mindestlohns haben die Arbeitgeber nach eigenen Angaben kein Problem. Allerdings wird der Mindestlohn umgangen, indem geleistete Arbeitszeiten, Überstunden oder Zuschläge für Mehrarbeit nicht gezahlt werden. Dringend notwendig ist es, dass die Finanzkontrolle Schwarzarbeit die Zahlung des Mindestlohns und vor allem die Dokumentation der Arbeitszeiten stärker kontrolliert. Deshalb muss, wie von Finanzminister Schäuble angekündigt, die Finanzkontrolle Schwarzarbeit endlich auf die zugesagten 1.600 Stellen aufgestockt werden. Derzeit sind allerdings nicht einmal alle regulären Stellen besetzt.

 

Der DEHOGA sieht Bedarf an einem veränderten Arbeitszeitgesetz. Wie ist Ihre Haltung dazu? Würde eine Änderung mehr Flexibilität oder eher mehr Arbeitsbelastung bringen?

Der DEHOGA will mit der Änderung des Arbeitszeitgesetzes erreichen, dass die seit Jahren alltäglich begangenen Verstöße gegen das Gesetz, die durch die Dokumentationspflicht der Arbeitszeiten offensichtlich geworden sind und empfindliche Geldstrafen nach sich ziehen können, nun juristisch legitimiert werden. Wir lehnen Änderungen am Arbeitszeitgesetz, insbesondere die weitere Ausdehnung der Arbeitszeiten, grundsätzlich ab. Die Beschäftigten im Gastgewerbe arbeiten auch heute schon so flexibel wie kaum in einer anderen Branche: abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen oder in Teilschichten. Es ist erwiesen, dass überlange Arbeitszeiten gesundheitsgefährdend sind. Was mich allerdings am meisten in der Diskussion ärgert ist, dass der DEHOGA nicht klar sagt, was seine Forderung tatsächlich für die Menschen in der Branche bedeutet. Die Umsetzung der Europäischen Arbeitszeitrichtlinie bedeutet nämlich, dass Arbeitszeiten bis zu 13 Stunden am Tag und 78 Stunden in der Woche möglich sind. Wer das allen Ernstes fordert, vertreibt auch die letzten Beschäftigten aus der Branche.

 

In Zeiten annähernder Vollbeschäftigung sind Gewerkschaften besonders stark, auch in der Durchsetzung ihrer Forderungen. Beispielsweise konnte die NGG 1959 in der Zigarettenindustrie – als erste Branche in der BRD überhaupt – die 40-Stunden-Woche durchsetzen. Hat dieses Muster heute noch Gültigkeit? Auf welchen Feldern fühlen Sie sich dabei besonders stark und was ist Ihre Hauptforderung?

Die Zeiten sind nicht vergleichbar. Betrachten wir nur die vergangenen Jahre – so ist in der Bundesrepublik der vergleichsweise größte Niedriglohnsektor in Europa mit allen negativen Folgen bis hin zur Altersarmut entstanden. Hinzu kommt mit Leiharbeit, Werkverträgen und befristeter Beschäftigung die Zunahme prekärer Beschäftigung. Alleine im Gastgewerbe wird jedes zweite Arbeitsverhältnis nur noch befristet geschlossen. Die paritätische Finanzierung der gesetzlichen Krankenkasse gibt es nicht mehr, die Tarifbindung infolge der O.T.-Mitgliedschaften ist zurückgegangen. Das sind nur einige Faktoren, in deren Folge Arbeitnehmer stärker belastet sind als die Arbeitgeber- und Kapitalseite. Die soziale Schieflage hat zugenommen. Dies macht auch der kürzlich veröffentlichte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung deutlich. Nichtsdestotrotz macht die NGG tagtäglich eine erfolgreiche, auf die unterschiedlichen Branchen unseres Organisationsbereichs zugeschnittene Tarifarbeit.

Die NGG hat nicht nur eine Hauptforderung. Tarifverträge werden in allen Teilbranchen und Tarifgebieten fast täglich verhandelt. Darüber hinaus fordern wir, dass nicht am Arbeitszeitgesetz gerüttelt wird und dass es künftig nicht mehr möglich ist, dass sich Arbeitgeberverbände wie viele Landesverbände des DEHOGA mit ihren O.T.-Mitgliedschaften aus ihrer sozialpolitischen Verantwortung stehlen.

 

Was gibt es an der Forderung des DEHOGA, dass das Gastgewerbe selbstbewusster auftreten muss, aus Ihrer Sicht auszusetzen?

Zunächst einmal nichts. Aber wer fordert, muss zunächst einmal seine eigenen Hausarbeiten erledigen. Das Gastgewerbe hat nicht grundlos ein Imageproblem und große Mühe, Ausbildungsplätze zu besetzen und Fachkräfte zu finden. Ursache dessen sind teilweise katastrophale Ausbildungsbedingungen, wie der jährlich veröffentlichte Ausbildungsreport des DGB zeigt, aber auch die schlechte Bezahlung und die harten Arbeitsbedingungen. Hier ändert sich sicher auch einiges. Allerdings ist die Forderung nach Ausdehnung der Arbeitszeiten auf bis zu 13 Stunden täglich kontraproduktiv und schreckt Bewerber für die Arbeit in einer attraktiven Branche ab. Weil eines wissen wir aus jahrzehntelanger Erfahrung mit der Branche: Die möglichen Arbeitszeitgrenzen werden nicht nur hin und wieder voll ausgeschöpft oder überschritten. Leider ist das heute in vielen Betrieben bereits Alltag, der Fach- und Arbeitskräftemangel wird noch einmal mehr Druck auf die Arbeitszeiten auslösen.

 

Welche sonstigen Vorteile bringt eine Mitgliedschaft in der NGG mit sich und wie kann man Mitglied werden?

Die NGG ist die einzige Organisation, die sich mit ihren 200.000 Mitgliedern für die Beschäftigten im Gastgewerbe einsetzt. Die Mitgliedschaft hat viele Vorteile: Von Tarifverträgen, auf die nur Mitglieder Anspruch haben, die individuelle Beratung bei Fragen rund um Arbeit und Ausbildung, Rechtsschutz bis hin zur Freizeitunfallversicherung und Bildungsangeboten. NGG-Mitglied zu werden ist online möglich oder bei jeder NGG-Region direkt.

 

www.ngg.net

 

 

Zur Person

 

Guido Zeitler ist seit 1993 Mitglied der Gewerkschaft NGG und begann 1999 seine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär. Ab 2000 war der gelernte Hotelfachmann Projektsekretär mit dem Schwerpunkt Gastgewerbe in der NGG-Region München. An gleicher Stelle war er ab 2002 als Gewerkschaftssekretär tätig. Zeitler wurde auf der Beiratssitzung der Gewerkschaft NGG im März 2017 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Sein Zuständigkeitsbereich: Finanzen, Sozial- und Seniorenpolitik, Tarif- und Branchenpolitik Gastgewerbe, jungeNGG – Berufliche Bildung, Rechtsabteilung (Gastgewerbe und Sozialrecht), ITBürokommunikation, Zentrale Dienste, Zentraler Service, Einkauf.

 

 

 

Fotos: NGG, Peter Bisping, Stefan Gräfe

 

Geschrieben am: 28.08.2017